Die aufregende Geschichte des Anwesens

Unser Gasthof hat während seines sechshundertjährigen Bestehens viel von der bewegten Stadtgeschichte miterlebt.

Rothenburg ob der Tauber war im Spätmittelalter mit seinen fast 6000 Einwohnern eine der größten Städte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Der in der Stadtgeschichte herausragende Bürgermeister Heinrich Toppler hatte Rothenburg gegen Ende des 14. Jahrhunderts zu einer neuen Blüte gebracht, die ein Wachstum der Stadt zur Folge hatte.
Aufgrund dieses Wachstums wurde Platz innerhalb der alten Stadtmauer knapp. Das Stadtgebiet wurde daher um die Jahrhundertwende durch die Errichtung einer neuen Mauer erweitert, unter anderem auch nach Norden hin zum damals gerade erbauten Klingenturm.
Nach Abschluss der Erweiterung im Jahre 1409 konnte die Fläche zwischen alter und neuer Mauer gefahrlos besiedelt werden.

Bauzeit: Mittelalter

In diesem neuen Baugebiet im Klingenviertel entstanden 1420 Wohnhaus und Scheune unseres Anwesens – zur gleichen Zeit, als auch das Hauptschiff der nahegelegenen Jakobskirche erbaut wurde, eine der beeindruckensten Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Aus Resten der Holzkonstruktion und Mauerwerksfugen konnte im Rahmen der dendrochronologischen Untersuchung festgestellt werden, dass es sich bei dem Wohnhaus ursprünglich um einen reinen Fachwerkbau gehandelt hat, dessen Wände erst später „versteinert“ wurden.

Im Gegensatz zum Wohnhaus, welches im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Veränderungen durchlaufen hat, läßt sich die Scheune heute noch vollständig in ihrer ursprünglichen Konstruktion aus dem Mittelalter erleben. Das Gebäude ist historisch außerordentlich wertvoll und wurde von Konrad Bedal (ehem. Heimatpfleger der Stadt Rothenburg sowie ehem. Museumsleiter des Fränkischen Freilandmuseums Bad Windsheim) auch in seinem Buch „Fachwerk vor 1600 in Franken“ (1990) erwähnt und wie folgt beschrieben: „Zweigeschossiger, verputzter Traufenbau, im Kern zweigeschossiger Ständergeschoßbau. Doppelte und verblattete Kopfbestrebung, Aussteifung des Wandriegels an den NW-Eckständer durch zusätzliche, verblattete Strebe.“

Aus der ersten Bauphase stammen auch die ursprünglich zwei Gewölbekeller des Anwesens, die nun zu einem Keller verbunden sind. Ein weiterer Keller mit getrenntem Zugang wurde später zusätzlich hinzugefügt.

An der Ritterstraße gelegen

Der in Jerusalem während der Kreuzzüge gegründete Deutschritterorden hatte seit 1237 auch eine Kommende in Rothenburg, die sich um 1420 unter der Leitung von Wilhelm von Königstein befand.

Da das Ordensquartier ebenfalls in der Klingengasse angesiedelt war, wurde die Straße als Ausfallstraße genutzt, beispielsweise auf dem Weg nach Mergentheim oder Reichardsroth, in denen sich weitere Ordensniederlassungen befanden. Die Ritter müssen also regelmäßig an dem Anwesen vorbeigezogen sein.

Die entscheidende Schlacht von Tannenberg, die für den Deutschen Orden verlustreich endete, fand nur kurz vor dem Bau des Anwesens statt. Über diese Schlacht wurde damals auf der Baustelle sicher noch gesprochen.

Renaissance und zweite große Bauphase

Die Renaissance war auch in Rothenburg eine äußerst turbulente Zeit.
In der Frühphase kam es 1451 zu einem Aufstand der Handwerker in der Stadt, von denen viele ihr Gewerbe in der Klingengasse ausübten.
1520 wurden die jüdischen Bewohner aus der Stadt vertrieben. Die meisten von ihnen wohnten in der Judengasse, einer Seitenstrasse der Klingengasse.
1525 kam es zu den Bauernaufständen. Diese wurden zwar niedergeschlagen und deren lokale Anführer auf dem Marktplatz öffentlich hingerichtet. Dennoch war kurz danach die Zeit reif für Veränderungen, und 1544 wurde die Reformation eingeführt. Dies machte Rothenburg evangelisch, was auch die Jakobskirche betraf.
All dies spielte sich in direkter Nachbarschaft des Gasthofes ab.

Während dieser ereignisreichen Jahre wurde die zweite großen Bauphase des Anwesens durchgeführt. 1536 wurde es um einen Fachwerk-Laubengang erweitert, welcher eine Verbindung zwischen Haupthaus und Scheune darstellt. Dieser Gebäudeteil wurde auf der bestehenen Grundstücksmauer errichtet; das Hoftor unter dem Laubengang blieb dabei erhalten und ermöglicht noch heute das Befahren des Innenhofes an gleicher Stelle.
In dieser Bauphase fand auch die Versteinerung des Wohnhauses statt, bei welcher die Aussenwände nur stellenweise als Fachwerk erhalten blieben. Auch der Eingang in der Fachwerksfassade an der Klingengasse wurde durch einen steinernen Rundbogen ersetzt. Die Raumaufteilung des Obergeschosses wurde zu dieser Zeit ebenfalls maßgeblich verändert.
Im Obergeschoss finden sich heute noch zwei Rundbogen-Wandnischen mit gefaster Mittelstütze, welche für ein Gebäude dieser Art einzigartig sind. An der Verbindung zwischen Haupthaus und Laubengang ist eine historische Bohlenstube mit Fragmenten eines Rundbogen-Zuganges erhalten geblieben.

Rothenburgs Tragödie

Knapp einhundert Jahre später kam es im Jahre 1631 während des Dreißigjährigen Krieges zur Belagerung der Stadt durch kaiserliche Truppen. Nach kurzer Belagerungszeit gelang dem Feind der Durchbruch am Klingentor, und unser Gasthof hatte wieder einmal einen Platz mit bester Sicht auf das Geschehen.

Für Rothenburg stellte die Einnahme der Stadt und der damit verbundene Rückgang an Bevölkerung und Reichtum einen schweren Schlag dar, welcher die Stadt für lange Zeit in eine Art Schockstarre versetzte, in der sie sich kaum veränderte. Was damals für die Stadt Stillstand bedeutete, ist allerdings auch einer der Gründe, warum es dort heute noch viele gut erhaltene Gebäude aus dieser Zeit gibt.

Spätere Bauphasen

Auch bei unseren Gasthof tat sich nach dem Dreißigjährigen Krieg erst einmal nichts mehr, und weitere bauliche Veränderungen konnten erst wieder sehr viel später festgestellt werden. Im 18. Jahrhundert erfolgten dann zahlreiche Reparaturen am Laubengang, wie etwa die Änderung der inneren Gangwand. Erneuert wurden auch Zwischenwände im Obergeschoß des Haupthauses.

1853 wurde die Erneuerung des Daches und der Fenstergewände sowie auch die Versteinerung der noch verbliebenen Fachwerkteile der Aussenwand vorgenommen. Der rundbogenförmige Eingang wurde zu einem eckigen Durchgang umgebaut.

Ab 1900 wurden regelmäßig Schönheitsreparaturen durchgeführt, vor allem innerhalb der Gaststätte.

Als die Stadt 1945 von alliierten Bombern angegriffen wurde, blieb das Anwesen zum Glück unbeschädigt.

1961 erfolgte die Erweiterung um ein Waschhaus und eines neuzeitlichen Anbaus im Innenhof, der im Zuge der anstehenden Sanierung inzwischen aber bereits wieder entfernt wurde.

Betrieb als Gasthof

Gut dokumentiert ist eine Nutzung als Gasthof seit ca. 150 Jahren. Damals fand in der Stadt noch ein anderes Adressensystem Verwendung, und das Anwesen wurde als „Haus Nr. 740“ geführt.

Im Jahre 1873 zog Georg Heiligenstetter in Haus 740 ein. Er hatte bislang den Beruf eines „Oekonomen“ innegehabt (er hatte keinen MBA – im Bayern des 19. Jahrhunderts war dies die Bezeichnung eines freien Bauern oder Gutsherren), und war zudem Vorsteher des VII. Distrikts Rothenburgs (Detwang). Er gab sein Amt auf und eröffnete ein paar Monate später den Gasthof, welcher dann über Generationen von der Familie weitergeführt wurde – früher unter dem Namen „Spatzenwirt“, zuletzt dann als „Gasthof Heiligenstetter“.

Eröffnungsanzeige (Fränkischer Anzeiger, März 1874)

Als Gastwirt hatte Heiligenstetter für seine landwirtschaftlichen Geräte wohl keine Verwendung mehr (Fränkischer Anzeiger, Mai 1874)


Letztlich gab Familie Heiligenstetter den Betrieb allerdings auf. Der Gasthof wurde dann in den 1990er Jahren noch einmal anderweitig als Restaurant genutzt, dies war jedoch kurzlebig.

Doch das Anwesen ist ja viel, viel älter – wurde es vielleicht früher schon einmal als Gasthof genutzt? Die Antwort lautet: wir wissen es leider nicht.
Ab dem 19. Jahrhundert wurden in der Stadt die Eigentumsverhältnisse von Immobilien gut dokumentiert; so betrieben beispielsweise 1808 ein Seilmacher und 1854 ein Küfer (Faßbinder) ihre Gewerbe darin.
Bislang unbekannt geblieben sind dagegen die Eigentümer und deren Berufe vor dem 19. Jahrhundert; es ist daher auch nicht bekannt, wann erstmalig eine Nutzung als Gaststätte erfolgte. Da die Raumaufteilung gerade des Laubenganges typisch für einen Gasthof der damaligen Zeit ist, ist gut denkbar, dass es hier bereits im 16. Jahrhundert einen solchen gab.

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